Bulimie - der Hunger nach Anerkennung
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Bulimie-Hilfe
für Angehörige Bärbel Wardetzki: Bulimie - der Hunger nach Anerkennung |
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Wege aus der Bulimie. Karen Wise Preis: EUR 12,27 |
Die Bulimie ist per definitionem eine Eßerkrankung, bei der die
Betroffenen große Mengen an Essen verschlingen und sie anschließend
wieder erbrechen. Sie haben massive Angst vor Gewichtszunahme und können
das körperliche Völlegfühl nicht ertragen. Das selbstinduzierte
Erbrechen scheint die Lösung für diese Probleme zu sein. Daß
das jedoch eine Illusion ist verdeutlicht der Bericht einer betroffenen
Frau.
"Ich heiße Petra und bin eß-brechsüchtig: Nachdem
ich begriffen hatte, was dieser Satz wirklich bedeutet, stehe ich heute
vor dem Spiegel und freue mich über mich selbst. Ich habe begonnen,
mich lieb zu haben. Ich habe aufgehört, mich wertlos zu fühlen
und an mir herumzumäkeln. Ich habe aufgehört, perfekt zu sein
und hinter einem Idealbild von mir herzurennen, ohne es je zu erreichen.
Jetzt lebe ich einfach und das ist ein ganz tolles Gefühl: plötzlich
zu spüren, ich lebe und es ist gut so. Denn während meiner Eß-Brechsucht
habe ich nicht gelebt. Mir ist bewußt geworden, daß ein Leben
mit der Sucht der gerade Weg in den Tod ist. Plötzlich wurde mir klar,
daß mein Tag nur noch aus Essen, Erbrechen und Fasten bestand. Meine
Gedanken kreisten ständig um Essen, Nicht-Essen, Abnehmen, Schlanksein.
Meistens aß ich so viel, wenn ich allein war, oder vor einem Problem
stand, das ich nicht gleich lösen konnte. Bei meinen Freßanfällen
aß ich bis zu 4000 kcal. Hinterher fühlte ich mich so elend,
daß ich alles wieder erbrach. Körperlich fühlte ich mich
dann besser, aber ich bekam starke Schuldgefühle, Selbstzweifel und
schämte mich sehr. Für den nächsten Tag nahm ich mir immer
wieder vor, normal zu essen. Aber je mehr ich es mir vornahm, desto intensiver
wurden meine Gedanken ans Essen und desto mehr schlang ich in mich hinein.
Die ständigen Gedanken ans Essen machten mich manchmal wahnsinnig
und sehr deprimiert. Ich war dann z.T. unfähig, wichtige Dinge zu
erledigen, aber tat auch nicht mehr Dinge, die mir früher Spaß
machten. Im Grunde war ich auf der Flucht vor dem Leben: ich flüchtete
in Freßorgien, in den Schlaf, in den Scheintod." Die Eß-Brechsucht
wurde als eigenständiges Krankheitsbild erst 1980 definiert und bezeichnet
treffend den Suchtcharakter dieser Erkrankung. Das Eßverhalten ist
aus der Kontrolle geraten und von den Betroffenen nicht mehr willentlich
steuerbar. Der Teufelskreis aus essen wollen, es sich verbieten, dann zügellos
essen und wieder darben, um nicht zuzunehmen, ist leidvoll. Die Betroffenen
fühlen sich ihrer Krankheit ausgeliefert, sie halten sich für
abartig und nutzlos. Was sie nicht wahrnehmen wollen und was die Angehörigen
ebenso wie auch Ärzte und Psychotherapeuten oft unterschätzen,
sind die körperlichen Schädigungen, die durch das extreme Essen
und vor allem das Erbrechen entstehen. Neben schwerer Karies, Haarausfall
und Schwellung der Lymphdrüsen kann es zu Herz- und Nierenfunktionsstörungen
kommen, im schlimmsten Fall zu Herz- und Nierenversagen.
Durch die Sucht werden immer häufiger soziale Kontakte vermieden,
u.a. um zu verhindern, als Bulimikerin erkannt zu werden. Essen gehen oder
auf einer Party mit anderen am Buffet stehen ist das Schlimmste. Die Betroffene
zieht sich statt dessen lieber in die Isolation zurück und tröstet
sich mit Eßexzessen. Mit der Zeit wird die Situation für sie
immer schlimmer, weil sie sich mehr und mehr isoliert, Freundschaften verliert,
nicht mehr arbeiten oder lernen kann, keine Freude mehr an Aktivitäten
und am Leben findet und nur noch für die Sucht lebt. An diesem Punkt
suchen viele Bulimikerinnen Hilfe, weil sie merken, daß sie so nicht
weiterleben können und wollen. Doch ist Unterstützung von außen
nötig, um auf Dauer abstinent zu bleiben. Denn der Ausstieg ist von
vielen Rückfällen begleitet. Zu Beginn halten die Abstinenzphasen
vielleicht nur kurze Zeit an, Stunden, Tage oder Wochen, bis in einer Krise
erneut zur Droge Essen gegriffen wird. Obwohl das Essen/Erbrechen und Hungern
an sich kein Suchtstoff ist, kann es als Droge eingesetzt werden. Und in
diesem Sinne spreche ich von Bulimie als Suchterkrankung, gleichwohl diese
Sichtweise umstritten ist. Langjährige Erfahrungen mit Patientinnen
haben mir allerdings gezeigt, daß es viele Parallelen zu anderen
Suchterkrankungen gibt wie Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit,
die bei vielen neben der Bulimie zusätzlich auftreten.
Das erste Merkmal der Sucht ist der Kontrollverlust, der bei der Bulimie
in der Unfähigkeit besteht, mit dem zwanghaften Überessen und
Entleeren (Erbrechen, Abführmittel, Fasten) aufzuhören. Eine
willentliche Kontrolle ist nicht mehr möglich, alle Versuche (Versprechen,
Essenspläne, Vorsätze etc.) scheitern und subjektiv wird Essen
und Erbrechen als Zwang, als Besessenheit erlebt. Es liegt hier der verzweifelte
Kampf gegen das Essen vor, der täglich immer wieder verloren wird
und der an den Kampf des Alkoholikers gegen die Flasche erinnert. Die zweite
Parallele ist die Herstellung eines Rauschzustandes durch Essen, Erbrechen
oder Fasten. Er äußert sich in einem Gefühl des "Highseins",
der Betäubung und der anschließenden "Katerstimmung". Desweiteren
bekommt die Droge Essen neue Funktionen, sie wird zur Ersatzbefriedigung,
zum Gefühlsdämpfer und Lebensbewältiger. Dabei verliert
es seine ursprüngliche Funktion als Lebensmittel. Essen, Sichvollstopfen
und Erbrechen werden als "Problemlöser" in Situationen eingesetzt,
die für die Betroffenen scheinbar unlösbar sind. Sie helfen vorübergehend,
weil sie Spannungen abbauen, eine kurze Zufriedenheit hervorrufen und die
Wirklich-keit für einige Zeit ausblenden. Aber wie der Alkoholiker
nach dem Rausch einen Kater hat, so leidet auch die Bulimikerin hinterher
meist mehr als vorher. Magenschmerzen, Brennen im Hals, Müdigkeit,
Kreislaufprobleme, Schlappheit, dumpfer Kopf, innere Leere und massive
Schuldgefühle sind die Folge. Sie fühlt sich deprimiert, hält
sich für schlecht, wertlos, haltlos und schmutzig. "Was hat das Leben
für einen Sinn, wozu soll das alles gut sein, ach wäre ich doch
gar nicht da."Viele Bulimikerinnen haben in solchen Momenten Selbstmordgedanken
oder unternehmen Selbstmordversuche. In der Tat sterben viele Bulimikerinnen
durch Suizid.
Die Bulimie unterscheidet sich jedoch in wesentlichen Kriterien als
Suchterkrankung von anderen Süchten vor allem dadurch, daß bei
ihr in der Regel keine körperliche Abhängigkeit vorliegt, der
Abstinenzbegriff ein anderer ist und Rückfälle eine andere Bedeutung
haben als bei stoffgebundenen Süchten. Die körperliche Ab-hängigkeit
von einem Stoff hat zur Folge, daß ein einziger Rückfall die
ganze Suchtkrankheit erneut in Gang setzen kann. Bei der Bulimie hingegen
sind Rückfälle in der Regel Begleiter auf dem Weg zur Genesung
und dienen dem allmählichen Aufbau eines symptomfreien Eßverhaltens.
Rückfälle sind häufig auch deshalb nicht auszuschließen,
weil die Bulimikerin täglich mit ihrem Suchtmittel in Kontakt kommt
und lernen muß, damit kontrolliert umzugehen. Denn Abstinenz i.S.
von Weglassen des Suchtmittels ist nicht möglich, da sie ja essen
muß um zu leben. Bulimikerinnen reagieren gewöhnlich auf Rückfälle
mit Selbstanklagen und -beschimpfungen. Ein Rückfall bedeutet für
sie häufig "das Ende" und ist mit Selbstzweifeln, Angst und Niedergeschlagenheit
verbunden. Sieht man Rückfälle jedoch als Ausdruck eines Mangelzustandes,
eines unbefriedigten Bedürfnisses oder ungelösten Problems, als
einen Hunger auf einer anderen Ebene, ist es möglich, konstruktive
Lösungswege zu suchen und den eigentlichen Hunger zu stillen. Mit
der Identifizierung des zugrundeliegenden Konflikts wird ein Ausstieg aus
dem Rückfallkreislauf möglich. Ein Rückfall ist nicht etwas
Passives, das über die Betreffende "hereinbricht", sondern eine bewußte
Entscheidung in einer Problemsituation. Der Rückfall zeigt an, daß
Konflikte und Probleme mit Essen beantwortet wurden, statt gelöst
zu werden.
WEIBLICHER NARZISSMUS
In der therapeutischen Arbeit mit Bulimikerinnen erkennt man daher,
daß das eigentliche Problem nicht das Essen/Erbrechen oder Hungern
ist, sondern daß die Frauen andere Probleme haben, die hinter dem
Eßsymptom verborgen sind. Sie drücken in ihrer Eßstörung
etwas aus, das sie nicht in Worte fassen können. Es ist eine symbolische
Sprache, die wir entschlüsseln müssen. In dem Konzept des "weiblichen
Narzißmus" habe ich versucht, die innere psychische Situation und
Erlebniswelt dieser Frauen zu erfassen und besser zu verstehen.
Ich verstehe darunter eine spezielle Form der narzißtischen Persönlichkeit,
die sich in ihrer Ausprägung von einer männlichen Form unterscheidet,
jedoch ihren Ursprung in derselben Grundstörung hat, nämlich
einem instabilen, kaum entwickelten wahren Selbsterleben, das durch ein
,falsches Selbst' ersetzt wird. Das Selbst-wertgefühl narzißtischer
Menschen ist nicht stabil, sondern unterliegt starken Schwankungen zwischen
dem Pol der Grandiosität ("Ich bin die Tollste") und dem der Depressivität
("Ich bin nichts wert, dick, häßlich").
Während nun der "männliche Narzißt" vorrangig die Grandiosität
lebt, um sein geschwächtes Selbst zu stärken, ist die weibliche
Form in der Minderwertigkeit verwurzelt. Das Grundgefühl von Bulimikerinnen
ist Wert-losigkeit, Hilflosigkeit und Depression. Ihre Selbstachtung erreichen
sie dann hauptsächlich über äußere Merkmale wie ein
niedriges Gewicht, gutes Aussehen, Leistung, Perfektionismus und Überanpassung
an ihre Umgebung. Die Grandiosität zeigt sich in dem Wunsch nach ständiger
Bewunderung und dem Gefühl, ohne diese nicht leben zu können.
Die Bewunderung glaubt die Betroffene aber nicht für ihre Person zu
erhalten, weil sie so ist wie sie ist, sondern für ihre Schönheit,
schlanke Figur, Leistungsfähigkeit, Intelligenz oder andere Fähigkeiten.
Und nur diese Eigenschaften schätzt sie selbst an sich. Droht nun
der Verlust der Bewunderung oder tritt dieser ein z.B. bei Trennung vom
Freund oder bei Kritik, dann kann es zum Zusammenbruch des Selbstwertgefühls
kommen, begleitet von einer depressiven Reaktion mit Minderwertigkeitsgefühlen.
Doch sogar geringere Anlässe können das Selbstwertgefühl
von Bulimikerinnen stören. So kann beispielsweise die Ablehnung einer
gemeinsamen Unternehmung Anlaß zu tiefer Kränkung sein, oder
ein gutes, aber nicht brillantes Ergebnis in der Arbeit zu einem beißenden
Gefühl des Versagens führen. Viele meiner Patientinnen glauben,
daß ein Nein auf ihre Wünsche ein Nein gegen ihre Person bedeutet,
oder daß sie es nicht mehr wert seien, geliebt bzw. geachtet zu werden,
wenn sie einmal nicht großartig waren. Ein halbes Kilo Gewichtszunahme
kann ebenso zu einem tiefen Gefühl der Minderwertigkeit führen,
da die Betroffene sich dadurch weniger attraktiv und das heißt weniger
liebenswert fühlt. Da der narzißtische Mensch Bewunderung und
Liebe fälschlicherweise gleichsetzt (A. Miller), fühlt er sich
abgelehnt, wenn er nicht bewundert wird. Die Suche nach Bewunderung muß
jedoch unbefriedigend bleiben, weil Bewunderung und Liebe eben nicht identisch
sind. So bleibt sie eine Ersatzbefriedigung für den eigentlichen Wunsch
nach Achtung, Annahme und Liebe. Die Frauen leiden unter einer Entfremdung
von sich selbst, die sich einerseits in einem mangelnden Selbstwertgefühl
ausdrückt, andererseits dazu führt, daß die Frauen nach
außen hin eine andere Seite von sich zeigen, als sie innerlich erleben.
Bulimikerinnen treten meist selbstbewußt auf, fühlen sich jedoch
innerlich klein und unsicher. Sie sind in der Regel attraktiv, legen viel
Wert auf ihr Äußeres, haben oft eine gute Figur, aber sie lehnen
sich von Grund auf ab, finden sich häßlich, dick, unattraktiv
und vor allem nicht liebenswert. Sie sehnen sich nach Liebe und Nähe,
rennen aber davon, wenn sie wirklich jemand mag. Sie machen sich immer
wieder einsam, obwohl sie gerade unter dem Gefühl, allein zu sein,
sehr leiden. Ihr ganzes Fühlen, Denken und Verhalten ist stark von
Gegensätzen geprägt und von dem Gefühl, nicht zu wissen,
wer sie wirklich sind. Ihre Selbstzweifel und Selbst-unsicherheit versuchen
sie hinter einer selbstbewußten Fassade zu verbergen. Durch Attraktivität,
Schlanksein, Leistung, Perfektionismus und etwas Besonderes sein sollen
die Minderwertigkeitsgefühle ausgeglichen werden. Sie vermeiden mit
aller Kraft, sich anderen so zu zeigen wie sie sind und verstecken sich
hinter einer perfekten Maske. Dieser innere Konflikt zwischen dem Gefühl
der Minderwertigkeit und der äußeren Fassade ist das Wesen der
narzißtischen Selbstwertstörung: erlebt wird es von den Frauen
als Polarität zwischen Minderwertigkeitsgefühlen und Gefühlen
von Grandiosität also der selbstbewußten, perfekten Fassade.
Die Minderwertigkeit hat immer etwas mit Selbstabwertung zu tun. Eine
Frau wird sich nicht minderwertig fühlen, wenn sie sich nicht schlecht
macht: wenn sie zu sich sagt: "wie bin ich doch häßlich", "ich
bin ja so dumm" oder "ich hab doch hier auf der Welt gar nichts verloren,
wenn ich nichts besonders bin". Und diese Botschaften prägen sich
in der Seele ein in Form eines Gefühls der Minderwertigkeit. In der
feministischen Literatur über Eßstörungen wird immer wieder
daraufhingewiesen, daß die Abwertung von Frauen auch Ausdruck der
Abwertung von Frauen in unserer Gesellschaft und Kultur ist. Frausein und
Weiblichkeit werden abgewertet zu Gunsten sogenannter männlicher Qualitäten
wie Leistung, Machtstreben und Rationalität. Und genau das tun auch
diese Frauen. Sie werten ihren weibichen Körper ab, streben maskuline
Formen an und versuchen das gängige Schlankheitsideal unserer heutigen
Gesellschaft zu erreichen. Sie leben Frausein entweder gar nicht oder ein
verzerrtes Bild davon, das oft durch die Ablehnung einer Frauenrolle geprägt
ist, die sie durch ihre Mutter vermittelt bekamen. Frausein wird dabei
mit Qualitäten von abhängig sein müssen verbunden, mit dienen,
sich für jemanden aufopfern, nicht sie selber sein dürfen. Einstellungen,
die sie von ihren Müttern übernommen haben, die ihnen eine z.T.
aufopfernde Frau vorgelebt haben, die selber unzufrieden mit sich war,
die aber keine Möglichkeit hatte, dieser Situation zu entrinnen. Viele
lehnen das Modell, das ihnen ihre Mutter vorgelebt hat, das aber zugleich
gesellschaftlich geprägt ist, ab. Sie haben aber kein anderes Modell
und lehnen daher Frausein ab. Die andere Seite, die Seite der Grandiosität,
setzt Idealisierung und Aufwertung voraus und hängt mit einem Ideal
zusammen, das die Frauen anstreben. Die Frau stellt einen bestimmten Anspruch
an sich und ist mit sich nur dann zufrieden, wenn sie ihn erfüllt.
Nimmt sie beispielsweise zwei Kilo ab, dann kommt sie diesem Ideal nahe
und dann findet sie sich ganz toll. Vorher fand sie sich entsetzlich dick,
zwei Kilo leichter findet sie sich auf einmal ganz schlank und beide Einschätzungen
stehen nicht im Verhältnis zueinander. Sie war vorher nicht so schrecklich
dick, wie sie sich empfand und sie ist jetzt nicht so toll dünn, wie
sie sich empfindet. Sie sah vorher ebenso gut aus wie jetzt, aber ihr inneres
Gefühl ist vollkommen verschieden. Ein anderes Beispiel ist der sportliche
Leistungsdrang: Bulimikerinnen treiben sich zu Hochleistungen an, joggen
immer länger als die anderen, machen Gymnastik, gehen danach noch
ins Fitness-Studio und essen dabei nicht ausreichend. So euphorisiert finden
sie sich toll, unerreichbar und besonders. Schaffen sie ihr Pensum jedoch
zum Teil nicht, dann beschimpfen sie sich, fühlen sich unwohl, plump
und faul. Das Ideal, das sie haben, ist jedoch in der Regel so hoch, daß
es unerreichbar ist z.B. das Ideal der Fehlerlosigkeit oder des Perfektseins.
Kein Mensch kann perfekt sein, kein Mensch kann fehlerlos sein. In diesem
unerreichbaren Ideal liegt daher schon immer das ständige Gefühl,
versagt zu haben und nicht gut genug zu sein. Das Minderwertigkeitsgefühl
und das Gefühl von Grandiosität sind zwei Seiten einer Medaille:
ob die Frau nun Größenphantasien hat oder sich minderwertig
vorkommt, beides ist Ausdruck eines gestörten Selbstwertgefühls.
Da das Eingeständnis, minderwertig zu sein, jedoch außerordentlich
unangenehm ist, rettet die Größenphantasie über das schlechte
Gefühl hinweg. Das Eß-Brech-Symptom tritt jeweils beim Wechsel
von einem Zustand in den anderen auf: In der Grandiosität dient es
als Schutz vor Enttäuschung, Kränkung und Spannungen und zum
Erhalt des Idealbildes: Schlanksein und Problemlosigkeit. Lieber ißt
sie die Probleme und unangenehmen Gefühle "weg", als sie zu spüren,
mit der Gefahr, sich wieder minderwertig zu fühlen. Sie erbricht,
um die äußere Fassade zu erhalten. Beim Wechsel in die Minderwertigkeit
ist das Symptom eine Form der Selbstabwertung und Bestätigung ihrer
Minderwertigkeit. Darüberhinaus dient es als Selbstbestrafung für
ihre Wertlosigkeit, aber auch für ihre Gier, Haltlosigkeit und alle
lebendigen Gefühle, die sie sich verbietet wie Sexualität, Lust
und Genuß.
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SOZIALISATION
Die Sozialisation der später bulimischen Frauen ist geprägt
durch die Unterbindung von Eigenständigkeit und Separierungstendenzen,
i.S. einer Erziehung zur Anpassung statt zur Abgrenzung (auch Aggression).
Die Botschaft, die den Mädchen meist unterschwellig vermittelt wird,
lautet vereinfacht: "Wenn Du mich liebst, dann bleibst Du bei mir und bist
so, wie ich Dich möchte. Bist Du so, wie Du bist und verläßt
Du mich, dann liebe ich Dich nicht mehr". Die Kinder wissen oft genau,
was sie tun und wie sie sein müssen, um Zuwendung zu bekommen und
laufen Gefahr, bei Anderssein bestraft zu werden. Die Einschränkungen
von Autonomie-bestrebungen finden sich in der Sozialisation von Mädchen
wesentlich stärker als von Jungen. Die Frauen, von denen ich hier
spreche, wurden noch weitgehend nach dem alten Rollenmodell der abhängigen
und aufopfernden Frau erzogen, die nicht unabhängig und eigenständig
ist und keine eigene Meinung vertritt, sondern die sich anpaßt und
über die Sorge für andere ihre Identität erwirbt. Später
zeigt sich das bei den Frauen dann in einer extremen Hinwendung zu anderen:
sie denken ständig daran, was die anderen von ihnen erwarten und versuchen
diese vermeintlichen Erwartungen zu erfüllen. Oft tun sie für
andere das, was sie sich selber nicht gestatten.
Die Frauen machen sich ständig abhängig davon, was andere
von ihnen denken, wie sie ankommen und ob sie auch gemocht werden. Sie
haben einen Hunger nach Anerkennung, eine tiefe Sehnsucht nach Echo und
Annahme. Dieser emotionale Hunger wird von ihnen oft als physiologischer
Hunger wahrgenommen, nämlich als Hunger auf Essen. Sie versuchen ihn
mit Nahrung zu füllen, aber er ist dadurch nicht stillbar. Er kann
auch nicht einfach geleugnet oder weggehungert werden. Für die Erfüllung
ihrer tiefen Sehnsucht nach Angenommen-sein und Geliebtwerden zahlen sie
einen hohen Preis: sie passen sich ganz ihrer Umgebung und den anderen
Menschen an und verleugnen ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse.
Die Hoffnung liegt darin, allen zu gefallen, um bloß nicht abgelehnt
zu werden. Sie gehen einen gefährlichen Kompromiß ein: "Ich
verleugne mich, meine Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle und
bekomme dafür von Dir die Anerkennung und Liebe, die ich sehnsüchtig
suche." Gefährlich ist dieser Kompromiß deshalb, weil die Verleugnung
der eigenen Person immer auf Kosten der seelischen und körperlichen
Gesundheit geht, sei es in Form psychosomatischer Krankheiten, Depressionen
oder Süchte. Die Krankheit ist sozusagen der Versuch, mit einer problematischen
Situation umzugehen, zeigt aber auch zugleich an, daß der Versuch
scheiterte. Der Wunsch, sich zu separieren und eigen-ständig zu sein,
ist ein natürlicher. Wird er unterbunden (z.B. aufgrund der Angst
der Mutter vor Trennung oder gesellschaftlich normierter Erziehungsvorstellungen),
drückt er sich später häufig in dem Eß-Brech-Symptom
aus. Darin finden die betroffenen Frauen eine Art Identität, eine
Nische, in der sie sie selbst sein können. "Nur bei meinen Eß-Brech-Anfällen
bin ich wirklich ganz bei mir. Da ist dann niemand, der mir reinredet oder
was von mir will. Ich bin endlich ich selbst." Es ist ein gefährlicher
und absurder Weg, wenn die Frau die Sucht suchen muß, um ein Gefühl
von Eigenständigkeit zu bekommen. In der Therapie ist es daher ein
Hauptanliegen, den Frauen zu ermöglichen, zu sich selbst zu kommen,
zu ihrer Potenz, Kraft und Stärke und Identität und zwar auf
eine gute Art und Weise statt über eine Suchterkrankung. Neben die
traditionelle Rolle der Frau als Abhängiger tritt heute noch eine
weitere, im Grunde gegenläufige Forderung an die Frauen, nämlich
ein Leistungs- und Prestigeideal zu erfüllen. Sie bekamen früher
haupsächlich für gute Leistungen Zuwendung, für manche war
es sogar der einzige Weg, um überhaupt Anerkennung zu bekommen. Noch
im Erwachsenenleben stehen sie unter dem Diktat von Leistung und Perfektionismus.
Danach ist es wichtiger, schlank, attraktiv und perfekt zu sein als genußvoll
zu leben. Ziele zu erreichen ist erstrebenswerter als "absichtloses Tun",
das "nur" Spaß macht. Verstehen und Einsicht rangieren vor den Gefühlen.
Freude wird meist, wenn überhaupt, durch eine Aktivität oder
besondere Leistung erreicht. Die Frauen stehen unter dem permanenten Druck,
immer die Beste sein zu müssen, haben das Gefühl, eine gute Leistung
reicht nicht aus und haben Angst, eine andere oder ein anderer wäre
besser als sie. Da Bulimikerinnen auf die Bestätigung anderer angewiesen
sind, um sich in Ordnung zu fühlen, haben sie extreme Angst, einen
Fehler zu machen oder nicht hundertprozentig zu sein. Denn bei Kritik oder
Mißerfolg laufen sie Gefahr, daß ihr Selbstwertgefühl
zusammenbricht und sie sich wie ein Nichts fühlen. Die unermüdliche
Strebsamkeit ist daher oft eine Abwehr der existentiellen Ängste,
nichts wert oder ein Niemand zu sein. Nur im Streben und Leisten spüren
sie sich und ihre Existenzberechtigung. "Oft denke ich, daß ich nur
etwas wert bin, wenn ich etwas leiste und kann mich dann doch über
diese Leistungen nicht freuen, weil es nicht ehrlich aus mir kommt, sondern
meine Überlebenskrücke ist. Immer strenge ich mich an, die Beste
zu sein, besonders attraktiv auszusehen, alles schnell zu begreifen, witzig
und schlagfertig zu sein, intelligent und erfolgreich, anerkannt und beliebt,
charmant und kontaktfähig. Alles Sachen, die in meiner Familie ganz
hoch im Kurs standen. Wer das konnte, der war jemand. Bei mir waren es
zusätzlich die Schulleistungen, die zählten. Irgendwie hab' ich
in der Familie die Rolle der ,Begabten' bekommen, warum weiß ich
nicht. Aber ich glaube, ich mußte für meine Eltern, besonders
für meine Mutter, eine ,höhere Bildung' verwirklichen, die sie
sich immer erträumte, aber nicht erreichte. Oft meine ich, etwas Besonderes
leisten zu müssen und bin mir nicht sicher, ob ich es wirklich für
mich tue oder für jemand anderen." Diese zwei Anforderungen an die
Frauenrolle entsprechen dem internen Widerspruch der Frauen: auf der einen
Seite erleben sie sich abhängig, wertlos und klein, auf der anderen
Seite besser und stärker als alle anderen Frauen z.B. wenn sie erfolgreich
sind. Die äußere Rollen-spaltung bildet sich demnach intern
ab. In der Bulimie kommt also das grundlegende Dilemma von Frauen zum Ausdruck,
sich zwischen Abhängigkeit und Selbstständigkeit zu bewegen.
In ihrem Fall liegt die Lösung des Konflikts im Leben der Extreme:
entweder vollkommen abhängig und im anderen bis zum Verlust der eigenen
Identität aufgehen oder in totaler Distanz vom anderen, autonom, aber
allein sein. Sie drücken das Dilemma von Frauen aus: inwieweit darf
die Frau sie selber sein in einer Beziehung oder in einer Gesellschaft,
Initiative ergreifen, ihre Potenz leben, ihre Möglichkeiten verwirklichen
und zugleich ihren emotionalen Bedürfnissen Raum geben, oder inwieweit
ist sie gezwungen, sich zurückzunehmen. Und die Bulimikerinnen zeigen
uns, daß wir noch nicht an dem Punkt sind, wo die Frau mit Selbstverständlichkeit
sie selber sein kann und sich ver-wirklicht hat. Bei der Ausbildung narzißtischer
Strukturen spielt der Mechanismus der emotionlen oder nar-zißtischen
Ausbeutung eine wesentliche Rolle. Dabei wird das Kind nach einem besonderen
Bild geformt ohne Respektierung seiner Individualität und Einzigartigkeit.
Es soll bestimmte Eigenschaften und Fähigkeiten be-sitzen, durch die
die Eltern ihrereits ihr geschwächtes Selbstbild aufwerten können.
Da das Kind auf die Zu-wendung der Bezugspersonen angewiesen ist und sein
Überleben von ihnen abhängt, wird es versuchen, den Anforderungen
der Umwelt gerecht zu werden, es allen "recht machen" wollen und dadurch
eine Maske ent-wickeln, hinter der die wahre Person verborgen bleibt. Es
identifiziert sich mit seiner Maske und wird so wie sie. Das wahre Selbst
bleibt ungespiegelt und unentwickelt. Durch das mangelnde Gespiegeltwerden
entwickelt das Kind nicht nur einen schlechten Zugang zu seinen Gefühlen,
sondern es wagt auch sein eigenes Erleben nicht mehr. Die Angst, abgelehnt
zu werden, ist zu groß. Statt Eigenständigkeit wählt es
Anpassung. Die Sehnsucht, um seiner selbst willen geliebt zu werden, bleibt
erhalten und drückt sich später in der Sehnsucht nach Aner-kennung
und Echo von anderen aus. Diese Frau wird in anderen Menschen immer den
Spiegel suchen, der sie bestätigt, ihr Sicherheit und ein Identitätsgefühl
gibt. Ein Thema, das eng verbunden ist mit Eßstörungen, Autonomiestörungen
und Ablehnung des Frauseins ist der sexuelle Mißbrauch. Ich machte
1991 eine Klinik-interne Befragung und erhielt ein Ergebnis, das mich erschreckte.
76% aller befragten Frauen mit Bulimie hatten sexuelle Übergriffe
und Mißbrauch erlebt. Die Bandbreite reichte von einem sexuell gefärbten
Klima und verbalen Anspielungen bis zu körperlichen Berührungen,
Küssen und Koitus. Der sexuelle Mißbrauch bewirkt eine starke
Traumatisierung der Psyche und hat einen negativen Einfluß auf das
spätere Beziehungsverhalten. Die gesamte Persönlichkeit und die
sexuelle Identität der Frau werden verletzt. Verbunden mit der Erfahrung
der emotionalen Ausbeutung haben diese Frauen später immer das Gefühl,
von Männern benutzt und ausgebeutet zu werden. Sexualität hat
dann mehr mit Macht zu tun als mit Zuneigung und Verbundenheit. In der
Therapie ist es daher notwendig, dieses Thema zu bearbeiten, da das Fressen/Erbrechen
oder Hungern oft symbolischen Aus-druckswert bekommt für den Ekel,
das Entsetzen und die Hilflosigkeit gegenüber dem frühen sexuellen
Miß-brauch. Auch die Ablehnung des Körpers und lustvoller sexueller
Gefühle hängen damit zusammen.
Das Beziehungsdilemma
Mit der narzißtischen Selbstwertstörung hängt eine
Beziehungsstörung zusammen, die sich vor allem durch Angst vor wirklicher
Nähe und der Unfähigkeit zu echter Bindung auszeichnet. Je intimer
die Beziehung wird, um so stärker werden auch die Probleme. Bulimikerinnen
haben daher durchaus Freunde und Bekannte, kommen jedoch unter Druck, wenn
ihnen ein Mensch sehr nah kommt. Vor allem, wenn es sich um einen Mann
handelt. Trotz der großen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit ist
die Bulimikerin nicht in der Lage, eine erfüllende Liebesbeziehung
zu leben. Ihr Partner soll hauptsächlich ein potentieller Bewunderer
sein und wird als solcher von ihr geliebt. Sie versucht ihrerseits, für
ihn die tollste Frau zu sein, verliert sich jedoch allmählich ganz
in der Beziehung zu ihm. Wo sie zu Beginn selbstbewußt erschien,
ist sie nun kindlich-abhängig, scheinbar ganz auf ihn angewiesen,
weiß nicht mehr, was sie will und paßt sich ihm vollständig
an. Subjektiv gibt sie ihre Identität auf und "geht ganz im anderen
auf". Alles Fühlen und Denken kreist nur noch um diesen Mann, wie
zuvor ums Essen. Solange sie den Partner bewundern kann, geht es ihr gut.
Sie fühlt sich durch ihn aufgewertet und erhält in ihm sozusagen
ein "Ersatzselbst" Die Idealisierung des Partners dauert so lange an, bis
er sich entweder als nicht so ideal herausstellt oder er ihr eine wirkliche
Beziehung anbietet, die über die Ebene von Bewunderung hinausgeht.
In beiden Fällen wird der Partner nun abgewertet, so daß sie
nichts Gutes mehr an ihm findet. Durch die innere Verunsicherung kommt
es zu einem immensen Druck, der sich im Eß-Brechsymptom oder in Streits
entlädt. Abwertung, Fressen, Erbrechen oder Streits sind Manöver,
um Distanz zum Partner herzustellen. An diesem Punkt bricht die Beziehung
häufig ab, oder es kommt zu einer vorübergehenden Trennung bzw.
zum Einfrieren der Gefühle. Denn sobald reale Ansprüche und/oder
Begrenzungen in die Beziehung hineinkommen und damit der Druck auf die
Bulimikerin, sich erwachsen und situationsangemessen zu verhalten, ist
sie überfordert. Frustration erlebt sie ebenso wie Liebe als innere
Bedrohung. Erstere als Angst vor dem Verlassenwerden bzw. Zurückgewiesenwerden,
zweitere als Angst, verschlungen, "aufgefressen" zu werden, nicht mehr
sie selbst sein zu dürfen, etwas geben zu müssen. Ist sie jedoch
allein, kann sie zwar sie selbst sein, fühlt sich aber schnell einsam,
verlassen und deprimiert. Sie wird daher wieder die Nähe suchen, die
aber bald in anklammernder Abhängigkeit vom Partner endet. Was ihr
zu einer wirklichen Beziehung fehlt, ist die Eigenständigkeit, durch
die sie befähigt wird, einerseits Liebe anzunehmen und zu geben, andererseits
Grenzen zum Partner zu ziehen und drittens, den Partner als Menschen mit
eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu sehen. Unter diesen Voraussetzungen
würde sie in der Beziehung "satt" werden und auf ihr Symptom verzichten
können. Eine ehemalige Patientin formuliert es folgendermaßen:
"Jetzt erst merke ich meine Beziehungsschwierigkeiten, die immer deutlicher
zu Tage treten, seit ich keine Eßprobleme mehr habe." Eine Behandlung,
die nur darauf abzielt, das Eß-Brech-Symptom zu kurieren, muß
am Ende scheitern. Denn eine wirkliche Genesung ist mehr als Symptomfreiheit.
Sie umfaßt auch eine veränderte Sicht von sich selbst, dem anderen
und den eigenen Beziehungen.
Gesellschaft
Narzißtische Störungen treten nicht nur als individuelle
Erscheinungen auf, sondern haben ihr Abbild in unserer Gesellschaft. Wir
leben in einer narzißtisch geprägten Welt, in der Werte des
Alles-Machbaren und des Besser-Seins vorherrschen. Unsere Gesellschaft
ist gekennzeichnet durch die Widersprüchlichkeit von Sein und Schein.
Viel Geld und Energie wird verwendet, um die äußere Fassade
der Dinge zu optimieren. Reichtum, Luxus, gutes Aussehen und Statussymbole
werden auf Kosten unserer Lebensgrundlagen hergestellt, die Welt wird ausgebeutet
und somit der Ast, auf dem wir sitzen, langsam abgesägt. Hinter einer
prächtigen Fassade materiellen Wachstums und Wohlstands verlieren
wir vermehrt den Bezug zur Innerlichkeit und Spiritualität. Es entsteht
eine Entleerung, die mit immer mehr Gütern ausgefüllt wird, aber
nicht zu einer anhaltenden Be-friedigung führt. Denselben Konflikt
finden wir bei der narzißtischen Persönlichkeit und der Bulimikerin
wieder. Sie verleihen ihm Ausdruck in der Demonstration von Grandiosität
bzw. im Eß-Brech-Symptom. Beides soll dazu dienen, eine Fassade aufrechtzuerhalten,
und die dahinter verborgene Selbstwertschädigung und Leere zu kompensieren.
Die narzißtische Störung und Bulimie sind daher nicht nur Ausdruck
einer individuellen Problematik, sondern auch unserer gesellschaftlichen
Situation der Entfremdung vom eigenen Sein zugunsten einer Scheinwelt.
Wir leben zwischen Extremen des Überflusses und des Verhungerns, zwischen
höchstem Entwicklungsstandard und größter Bedrohung des
Planeten, zwischen einem großen technischen Wissen und innerer Verarmung.
Es scheint, als würden weibliche Narzißtinnen in ihrem Symptom
diese unvereinbaren Widersprüche wortlos ausdrücken.
THERAPIE
Der Prozeß der Überwindung der Bulimie ist ein langer und
teilweise schwieriger Weg, der viele Jahre dauert. Er beginnt mit dem Eingestehen
der Krankheit und dem Wunsch, aus der Anonymität der Sucht heraus
zu wollen. Die Offenbarung der Krankheit ist der erste Schritt, verbunden
mit der Erfahrung, daß auch andere betroffen sind und in ähnlicher
Weise leiden. In den meisten Fällen ist eine psychotherapeutische
Behandlung unumgänglich, unterstützt von dem Erleben der Solidarität
in Selbsthilfegruppen wie der OA (Overeater anonymous).
Die Therapie bezieht sich zumindest zu Beginn sowohl auf die Symptomebene
des Essens als auch auf die Bearbeitung der seelischen Hintergründe.
Eine ambulante Therapie kann dabei helfen. Oft dient sie auch als Vorbereitung
auf eine stationäre Behandlung, die in vielen Fällen unerläßlich
ist. In der Therapie wird die Bedeutung des Essens/Erbrechens und Hungerns
sowie des Gewichts mit den Frauen erarbeitet. Welche Ängste stehen
hinter der Weigerung, Gewicht zuzunehmen? Welche Gefühle werden vermieden?
Die Frauen erarbeiten, wie sie durch ihre Eßstörung Verantwortung
abgeben und Leben und Beziehungen vermeiden. Das Thema Beziehungen ist
ein zentraler Bereich in der Therapie. Damit meine ich nicht nur Zweierbeziehungen,
sondern Kontakte zwischen Menschen. Bulimikerinnen haben große Angst
vor Nähe, da sie befürchten, verschluckt zu werden. Sie vermeiden
daher intensive Kontakte, bitten selten um Unterstützung, sondern
holen sich Zuwendung über Helfen. Sie befürchten, verlassen zu
werden, wenn andere sehen, wie sie wirklich sind und vermeiden daher, sich
mit ihren tiefen Wünschen und Gefühlen einzulassen. In der Therapie
soll den Frauen im Schutz der therapeutischen Beziehung eine Möglichkeit
eröffnet werden, sich einzulassen, ohne zu befürchten, verlassen
zu werden, wenn sie unangepaßt sind und das heißt für
diese Frauen, wenn sie so sind, wie sie sind und sich und anderen nichts
vormachen, wie sie es bisher immer taten. Auf diese Weise finden sie allmählich
einen Zugang zu sich selbst, zu ihren Bedürfnissen, Wünschen
und Gefühlen. Die Therapeutin hat die Aufgabe, mit der Frau zusammen
alle Gefühle, auch die abgelehnten (z.B. Wut) willkommen zu heißen.
Statt immer ja zu sagen, lernen die Frauen, Nein zu sagen, wenn sie nein
meinen, sich abzugrenzen und zu sich zu stehen. In der direkten Auseinandersetzung
mit den vermuteten Erwartungen der anderen erfahren sie, daß viele
Forderungen gar nicht an sie gerichtet werden, sondern diese aus ihnen
selbst erwachsen. Sie lernen, liebevoller mit sich umzugehen, sich anzunehmen
und sich auch mit ihren Schwächen zu akzeptieren. Desweiteren geht
es um die Entwicklung eines neuen Gefühls für den Körper,
einer körperlichen Identität und der Wahrnehmung körperlicher
Vorgänge wie Sattheit und Hunger. Das Ziel ist eine Inbesitznahme
des Körpers und die Fähigkeit, sich selbst zu spüren.
In der Therapie kann durch die therapeutische Beziehung ein Zugang
zu dem wahren Selbst ermöglicht werden. Es erfolgt dabei die Durcharbeitung
der alten Gefühle des tiefen Schmerzes und Hasses über das Ungeliebtsein
und nicht so angenommen worden sein, wie die Frau es als Kind brauchte,
hin zu der Bestätigung, heute als Person akzeptiert zu werden. Grundlage
dafür ist das Gefühl von Eigenliebe, das durch die Zuwendung
in der Therapie allmählich entwickelt werden kann. Alle Kompensationsmechanismen
wie Fressen, Erbrechen, Sich-Überanpassen und Perfektsein, um Zuwendung
zu erhalten, weichen einem Gefühl von Selbstsein und Eigenständigkeit.
Das Eß-Brechsymptom ist dabei ein Signal, das immer dann auftritt,
wenn die Betroffene in alte Denkmuster und Gefühlszustände zurückfällt
oder in einer Krise ist. Es kann sich noch nach Jahren der Abstinenz immer
wieder zeigen. Ziel der Therapie ist neben der Symptomfreiheit der Zugang
zur eigenen Lebendigkeit und Autonomie. Wenn Gefühle und Wünsche
ungestraft erlebt werden dürfen und die Eigenständigkeit im Handeln
nicht mehr mit der Angst vor Liebesverlust gekoppelt ist, wird das Symptom
allmählich überflüssig. Diese seelische Veränderung
ist jedoch nicht in kurzer Zeit zu erreichen und begleitet von Rückschlägen.
Man muß daher mit einem Zeitraum von 2-5 Jahren rechnen, bis das
Essen seine Bedeutung als Suchtmittel und Problemlöser endgültig
verliert. Für manche bleibt das gestörte Eßverhalten jedoch
ein Leben lang eine Schwierigkeit, der sie mit Wachsamkeit begegnen müssen.
Dennoch glaube ich und habe es auch erfahren, daß viele Bulimikerinnen
ihre Krankheit überwinden können, und das gibt mir und den Betroffenen
Hoffnung.
Zur Autorin:
Bärbel Wardetzki, Dr. phil., Dipl. Psych., Pädagogin M.A.,
Gestalttherapeutin und Ausbilderin im Arbeitskreis Kritische Gestalttherapie
München (AKG), Familientherapeutin. Langjährige therapeutische
Erfahrungen in der Psychosomatischen Klinik Grönenbach mit den Arbeitsschwerpunkten
Sucht und Eßstörungen. Seit 1992 arbeitet sie als Psychotherapeutin
und Ausbilderin in freier Praxis in München. Aus ihrer Arbeit entstand
1991 ihr Buch "Weiblicher Narzißmus. Der Hunger nach Anerkennung"
(Kösel-Verlag, München). Ihr neues Buch zum Thema des hier abgedruckten
Artikels "Iß doch endlich mal normal!" erschien 1996 ebensfalls im
Kösel-Verlag.
Weiter zu Hilfe für
Angehörige
Bulimie: Die vor allem bei jungen Mädchen auftretende Bulimie oder Ess-Brech-Sucht wird vielfach erst spät erkannt. Darauf macht das Deutsche Institut für Ernährungsmedizin und Diätetik (DIET) in Aachen aufmerksam. Oft werde die Krankheit erst vom Zahnarzt entdeckt, wenn durch das häufige Erbrechen bereits der Zahnschmelz angegriffen wurde. Ist die Bulimie diagnostiziert, müsse sofort mit einer psychotherapeutischen Behandlung begonnen werden, zu der auch das Erlernen eines normalen Essverhaltens gehört. Nach Angaben des DIET leiden mindestens drei Prozent aller jungen Frauen an der Essstörung; zehn Prozent aller Betroffenen seien inzwischen aber auch junge Männer. Informationen für Betroffene bietet das Institut montags bis freitags von 10.00 bis 14.00 Uhr unter der Rufnummer 0241/96 10 95 66 eine «Hotline» unter dem Motto «Hilfe ich bin zu dünn!» an. (dpa, 08.08.2000)ka
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Leben mit Bulimie und Magersucht. von Marya Hornbacher Preis:* DM 17,50 EUR 8,95 Taschenbuch - 491 Seiten - Erscheinungsdatum: 2001 Jetzt bestellen! |
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Raus damit. Bulimie:
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Bulimie eventuell genetisch bedingt Meldung oder Presseaussendung von pte
Aus dem biologischen Blickwinkel ein Hoffnungsschimmer
Pittsburgh (pte) (27. November 98/18:46) - Wer unter Bulimie leidet, ist möglicherweise schon mit einem chemischen Ungleichgewicht im Gehirn auf die
Welt gekommen, das ihn für Eßstörungen anfällig macht. Zu diesem Schluß
kommt jedenfalls eine neue US-Studie. Projektleiter Walter Kaye vom Western
Psychiatric Institute in Pittsburgh hofft, daß anhand der Untersuchungsergebnisse Menschen mit Bulimie-Risiko schon frühzeitig erkannt
und behandelt werden können, bevor der Teufelskreis von Eßanfällen und Erbrechen beginnt.
Den Wissenschaftlern war bereits bekannt, daß im Gehirn von Bulimie-Patienten der Serotonin-Spiegel verändert ist. Die Chemikalie
beeinflußt die Stimmung und trägt zu obsessivem Verhalten bei. Medikamente, die den Serotonin-Gehalt regeln, wurden in den vergangenen Jahren zum Teil
erfolgreich zur Behandlung von Bulimie und Anorexie, der Magersucht, verschrieben. Bislang war den Forschern aber nicht klar, ob die
Bulimie-Patienten mit normalem Serotonin-Spiegel geboren wurden, der dann durch das krankheitsbedingt falsche Eßverhalten aus dem Gleichgewicht
geriet, oder ob der Serotonin-Gehalt möglicherweise schon von Geburt an verändert war.
Kayes Team verglich 31 gesunde Frauen mit 30 Frauen, die früher unter Bulimie litten und inzwischen seit mindestens einem Jahr wieder normal
essen. Herausgefunden wurde, daß die früheren Bulimie-Patientinnen einen unnormal hohen Serotonin-Gehalt aufwiesen. Auch zeigten sie mehr Symptome,
die mit einem hohen Serotonin-Spiegel in Verbindung gebracht werden - etwa depressive Verstimmungen und zwanghaften Perfektionismus.
Weil alle untersuchten Frauen sich inzwischen normal ernährten, konnten die Unterschiede im Serotonin-Spiegel nicht allein auf die Diät zurückgeführt
werden. Schon frühere Studien an magersüchtigen oder an Eß- und Brechsucht leidenden Zwillingen hatten gezeigt, daß Eßstörungen möglicherweise
genetisch bedingt sind. (rponline) (Ende) Aussender: pressetext.austria
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Serotonin und Bulimia nervosa?
Die Bulimie ist 1979 erstmals als psychisches Krankheitsbild definiert worden. Schätzungsweise 4% aller Frauen sind
von ihr betroffen. Inzwischen mehren sich die Hinweise, daß die Entstehung mit serotoninabhängigen Funktionen des
ZNS in Verbindung zu bringen ist. Im Tierexperiment konnte gezeigt werden, daß bei Unterbindung der Reizleitung an
serotoninabhängigen Rezeptoren im Gehirn die Nahrungsaufnahme reduziert ist. Bei Patientinnen mit Eßstörungen
konnte in vielen Studien eine Verringerung der Serotoninaktivität festgestellt werden.
Serotonin wird aus der essentiellen Aminosäure Tryptophan synthetisiert. Die Synthese wird weitgehend über das
Aminosäurespektrum in der Nahrung gesteuert. Der Transport von Tryptophan in das Gehirn wird gegenüber anderen
Aminosäuren begünstigt, wenn der Kohlenhydratanteil in der Nahrung hoch ist. Eine proteinreiche Mahlzeit kann die
Tryptophanaufnahme hingegen senken. Studien mit Bulimie-Patientinnen ergaben auffällige Zusammenhänge zwischen der Konzentration eines
Serotoninmetaboliten in der Cerebrospinalflüssigkeit und dem Ausmaß sowie der Häufigkeit des Aufretens der
Eßanfälle. Daraus könnte sich ein medikamentöser Behandlungsansatz ableiten. Inwieweit diese Funde Ursache oder nur
Konsequenz der Bulimie sind, konnte bisher allerdings nicht sicher geklärt werden. Eine Ursache für gestörte Serotoninaktivtäten könnten extreme Diäten sein, die häufig auch den Beginn der Bulimie
kennzeichnen. Eine andere Hypothese geht von einer (genetisch bedingt) zu geringen Serotoninaktivität aus, die zu einer
erhöhten Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Bulimie führt.
Literatur
Weltzin T.E., Fernstorm M.H., Kaye W.H.: Serotonin and Bulimia
Nervosa. Nutrition Reviews 52(12), 299-408, 1994
Langhans W.: Die Regulation der Nahrungsaufnahme. Ernährungsumschau 40 (Sonderheft), s78-s82, 1993
Fichter M.: Anorexia nervosa und Bulimie. Fortschritt der Medizin 110(16), 81-82, 1992
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Experte: Essstörungen werden häufig an Kinder weitergegeben : Essgestörte Jugendliche übernehmen ihr Verhalten häufig von den eigenen Eltern. Diese Erfahrung hat Andreas Schnebel, Psychotherapeut und Mitbegründer der Münchner Essstörungs-Beratungsstelle ANAD, gemacht. Zunehmend sei das Essverhalten in der Familie ursächlich für Krankheiten wie Magersucht und Fresssucht (Bulimie), sagte der Therapeut in einem dpa-Gespräch. "Wenn eine Mutter jedes Mal panisch reagiert, wenn sie einen Kuchen mit Sahne vorgesetzt bekommt, dann macht sich ein Kind natürlich seine Gedanken", sagt Schnebel. Viele Eltern seien sich dabei ihrer eigenen Essstörung gar nicht bewusst. Häufig beginne neben der essgestörten Tochter schließlich auch die Mutter eine Therapie. Doch auch Frauen, die bereits eine erfolgreiche Therapie hinter sich haben, fühlen sich in der Mutterrolle häufig "extrem verunsichert", sagt Schnebel. "Viele Frauen haben ihre Krankheit durch die Einhaltung fester Essrhythmen in den Griff bekommen. Durch ein Baby werden sie plötzlich wieder permanent mit dem Thema Essen konfrontiert." Ehemals essgestörte Eltern hätten vor allem Angst davor, dass ihr Kind in die selben Verhaltensmuster fallen könnte wie sie selbst, sagte der Psychotherapeut. "Wenn das Kind einmal eine Heißhungerphase hat, geraten solche Elterteile rasch in Panik und nehmen ihm zum Beispiel den Teller weg". Durch solche überzogenen Reaktionen würden Kinder stark verunsichert. Der Psychotherapeut rät daher, das Thema Essen mit möglichst großer Gelassenheit zu behandeln. Besonders wichtig seien gemeinsame Mahlzeiten mit der ganzen Familie, bei denen weder Fernseher noch Telefon störten, sagt Schnebel. "Kinder sollen einfach lernen, dass Essen etwas Schönes ist." (dpa,v 12.09.2000)ee
Esstörungen durch erhöhten Zytokinspiegel im Blut
11.10.2000 - Zytokine sind Proteine, die zwischen dem Immunsystem und verschiedenen hormonbildenden Gewebsarten vermitteln. Bei Patienten mit
Anorexia nervosa (Magersucht) weisen bekanntermassen die Zytokine Interleukin-6 (IL-6) und Tumor-Nekrose-Faktor-beta (TGF-beta) einen erhöhten
Blutspiegel auf. Wissenschaftler der Minnesota Medical School in Minneapolis haben daraufhin bei Patienten mit Esstörungen deren Blutspiegel auf das
Vorhandensein weiterer Zytokine untersucht. 19 Frauen mit Anorexia nervosa,
16 Frauen mit Bulimia nervosa (übermässiges Essbedürfnis ohne Hungergefühl),
35 Frauen mit Fettsucht und 23 normal gewichtige Kontrollprobanden wurden in der Studie berücksichtigt. Es zeigte sich, dass Frauen mit Anorexia
eine Erhöhung des Interferon-gamma (IFN-gamma) und IL-6 aufwiesen. Überraschenderweise zeigten fettleibige Frauen neben einem höheren IL-1-apha
Spiegel auch eine Erhöhung des IL-6 Proteins. Die Zytokinspiegel bei Frauen mit Bulimie lagen erwartungsgemäss im Mittelfeld. (Quelle: drkoop, in
Englisch)