SPORTLERNAHRUNG: GESUND FÜR ALLE?
SPORTÄRZTE TAGTEN IN FREIBURG ZUM THEMA
"AKTUELLE ERNÄHRUNGSTENDENZEN IM
GESUNDHEITS- UND LEISTUNGSSPORT"Freiburg – Dass
man gerade als Sportler besonders auf seine Ernährung achten sollte, ist kein
Geheimnis. Dass aber eine sportgerechte Nährstoffzusammenstellung auch für den
inaktiven Normalbürger die gesündeste Alternative ist, könnte sich als
Trugschluss herausstellen. Das ist
eines der Ergebnisse einer Tagung von 120 Sportärzten und an der Sporternährung
Interessierten in Freiburg. Der Sportärztebund Baden e.V. und die Centrale Marketing-Gesellschaft
der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) hatten zum Gedankenaustausch unter der
Leitung des 1. Vorsitzenden der Sektion Südbaden, dem Freiburger Sportmediziner
PD Dr. Martin Huonker, eingeladen.
Zum Beginn der Tagung mit
dem Thema "Aktuelle Ernährungstendenzen im Gesundheits- und Leistungssport" umriss Prof. Dr. Aloys Berg von
der Abteilung für Prävention, Rehabilitation und SportMedizin
der Medizinischen Universitätsklinik Freiburg die besondere Bedeutung einer
bedarfsangepassten Sporternährung.
Die Ernährung habe einen direkten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit, aber
auch auf die Belastbarkeit und die
Gesunderhaltung des Sportlers. Zur Deckung des Bedarfs sei eine tägliche Zufuhr
von durchschnittlich 2.650 kcal im Gesundheitssport
bis 9.150 kcal im Hochleistungssport
(wie bei der Tour de France) nötig.
Auf die Besonderheiten der
Basisernährung im Leistungssport ging der Hamburger Ernährungswissenschaftler
und Buchautor Prof. Dr. Michael Hamm ein. Für eine "gesunde
Ernährung" empfahl er, Fette und Alkohol zu reduzieren, dafür mehr
komplexe Kohlenhydrate und Nahrungsmittel mit hoher Nährstoffdichte wie Obst
und Gemüse zu verzehren. Essen und Trinken müssten über den ganzen Tag verteilt
stattfinden und bewusst, in Ruhe und mit Freude geschehen. Im Breitensport entstehe bei einem Trainingsaufwand von 3 bis
4 Stunden in der Woche ein Mehrbedarf von 2.000 kcal. Bei einer bewussten
Ernährung seien Spezialprodukte zur Nahrungsergänzung nicht erforderlich.
Für Wettkämpfe empfahl
Hamm, sich den Grundsatz zu verinnerlichen, dass
die Grundlagen für den Erfolg auch bei der Ernährung in der Vorbereitungsphase gelegt würden. Am Wettkampftag sei es wichtig,
nicht nüchtern und hungrig an den Start zu gehen. Auch in der Erholungsphase habe die Ernährung eine herausragende Bedeutung:
Die Aufnahme von Kohlenhydraten, Wasser,
Proteinen und Kalium beschleunige die Regeneration, der Konsum von Fett,
Alkohol und ein Energiedefizit verzögerten diese.
Für Sportler, die sich
vegetarisch ernähren, empfahl Prof. Hamm die lacto-vegetabile Ernährung als die
"sicherste" Methode, da bei Vegetariern oft Mangelversorgungen mit
Kalzium, Eisen, Zink und Selen beobachtet würden. Grundsätzlich empfiehlt der
Experte einen Verzehr von Fleisch oder Fisch zwei-
oder dreimal pro Woche.
Auf die Wettkampfernährung
in Ausdauer- und Kraftsportarten
ging Prof. Dr. Klaus Baum, Physiologe an der Deutschen Sporthochschule
in Köln, ein. Die Glykogen-Superkompensation (auch Saltin- oder Schwedendiät)
sei zwar sehr populär in der Vorbereitung auf Wettkämpfe mit einer
Ausdauerkomponente, beeinhalte aber einige Probleme
und Risiken: Das Glykogen
stehe im Wettkampf nur der jeweiligen
Zelle, in der es eingelagert worden sei, zur Verfügung. Die individuelle
Verträglichkeit dieses Ernährungs-Regimes sei unterschiedlich ausgeprägt.
Außerdem binde jedes Gramm Glykogen in der Muskulatur
2,5 bis 3 g Flüssigkeit, so dass bei
einer Glykogen-Superkompensation im Bereich der
Beinmuskulatur mit einer Gewichtszunahme von bis zu 2,5 kg zu rechnen sei.
Baum empfahl folgendes
Ernährungsregime vor einem wichtigen Wettkampf, wies jedoch darauf hin, diesen
Ablauf in der Trainingsphase
mehrfach zu testen: Fünf Tage vor dem Start sollten die Glykogenspeicher durch
eine erschöpfende Trainingseinheit entleert werden.
Bis zum Wettkampf sollten dann vermehrt Kohlenhydrate und nur sehr wenig Fette zugeführt werden.
An den letzten beiden Tagen sollten zudem die Ballaststoffe
reduziert werden. Am Tag vor dem
Wettkampf gelte es, viel Wasser zu
trinken und dabei das Kochsalz nicht
außer Acht zu lassen.
Für den Ausdauerwettkampf selbst sei grundlegend zu beachten, dass die mechanische Belastung
des Magens stark von der ausgeübten Sportart (Beispiel: Radfahren oder Laufen)
abhänge. Der erfahrene Marathonläufer unterstrich die Bedeutung von
Kohlenhydratgetränken (die bei warmen Witterungsbedingungen
3-5 % Kohlenhydrate, bei kalten auch höhere Konzentrationen und in jedem Fall
0,2 % Kochsalz enthalten sollten) gegenüber der festen Nahrung: "Bananen
bei Stadtmarathons halte ich für eine schlechte Erfindung."
Prof. Dr. Klaus-Michael
Braumann vom
Fachbereich Sportwissenschaften der Universität Hamburg fasste
den aktuellen Stand der "ergogenen
Substanzen" in der Sporternährung zusammen und grenzte den Bereich der Supplementation vom Doping ab. Ergogene
Substanzen seien Nahrungsbestandteile und Zusatzstoffe, die zu einer Steigerung
der Leistung führen sollen. Vorsichtig zu bewerten
seien dabei die beworbenen Wirkungen der Substanzen, die messbaren und durch
Studien belegten Wirkungen sowie den Erfahrungen der Sportler. Braumann warnte
vor dem Bezug solcher Produkte über dubiose Internet-Firmen: Hin und wieder
seien in den Produkten Spuren von anderen Stoffen wie Anabolika zu finden, die
die eigentliche Leistungssteigerung bewirkten. An verschiedenen Wirkstoffen wie
einzelnen Aminosäuren, Kreatin und Carnitin zeigte Braumann die Widersprüchlichkeit der
Ergebnisse bisher vorliegender Studien, wies aber auch darauf hin, dass es sinnvoll sei, den Sportlern, die eine
Leistungssteigerung durch die Supplementation
individuell festgestellt haben, Glauben zu schenken.
Auf die Bedeutung von
Flüssigkeitszufuhr und Getränkeauswahl im Sport wies der Diplom-Oekotrophologe
Uwe
Schröder vom Institut
für Sporternährung in Bad Nauheim hin. Die zu geringe Flüssigkeitsaufnahme sei
der häufigste Ernährungsfehler in der Bevölkerung. Außerdem stünden in der
Menge der aufgenommenen Getränke in Deutschland noch immer der Bohnenkaffee
(160 Liter pro Jahr) deutlich vor den Wässern (102 l).
FLÜSSIGKEITSVERLUST UND DIE FOLGEN
> 0,5 % Durst
2 % Verminderung der Ausdauerleistungsfähigkeit
4 % Verminderung der Kraft
5 % Schwerwiegende
physiologische Veränderungen
(Anstieg der Herzfrequenz, Müdigkeit, Apathie,
Erbrechen, Muskelkrämpfe)
12 % Unfähigkeit zu schlucken
15-20 % Tod
Bei der Auswahl des
richtigen Mineralwassers für
Sportler während oder nach der Belastung
sei vor allem der Gehalt an Kochsalz (hohe Verluste durch Schwitzen) und Hydrogen-Bikarbonat (Ausgleich des Säure-Basen-Haushaltes) zu beachten, wohingegen es in der
Ernährung von körperlich inaktiven Menschen eher auf einen geringen
Natriumgehalt ankäme. Schröder wies auf Ergebnisse von Studien hin, dass durch den Saunabesuch nach dem Sport
Flüssigkeitsverluste in einer Größenordnung entstünden, die bis zum nächsten
Tag nicht ausgleichbar seien, was
sich nicht nur in einer verminderten körperlichen, sondern auch in einer
eingeschränkten geistig-mentalen Leistungsfähigkeit zeigen würde: "Sauna
erschwert die Regeneration!"
Neben Saunagängern seien vor allem Kinder und Jugendliche im Sport durch ein
Flüssigkeitsdefizit bedroht. Hier gelte es, eine entsprechende Infrastruktur an den Sportstätten zu schaffen. "Man
ist, was man isst", fasste Schröder seine Ergebnisse zusammen, "und
man leistet, wie viel und wie häufig man trinkt."
Dr. Daniel König von der Abteilung für Prävention,
Rehabilitation und SportMedizin der Medizinischen
Universitätsklinik Freiburg stellte in seinem Vortrag die Frage, ob eine
Überbelastung im Sport durch
Ernährung beeinflussbar sei. König unterschied die akute (Muskelkater) von der
chronischen muskelzellulären Überlastung
(Übertraining) und der immunologischen Überlastung
(Infekt). Studien hätten gezeigt, dass
durch Kohlenhydratgaben während der Belastung
die Plasmaglukose
ansteige, die Stresshormone (ACTH und Cortisol)
abfielen und dadurch das Immunsystem
stabilisiert würde. Die Zufuhr von Eicosapentaensäure
(Fischöl) über 12 Wochen habe bei Kurztriathleten zu einem verminderten Anstieg
der Kreatinkinase
geführt, die eine Schädigung vom Muskelzellen anzeigt.
Zur Frage, ob auch antioxidative Vitamine Einfluss
auf den Muskelstress hätten, sei noch nichts entschieden, da sich die
Studienergebnisse die Waage hielten. König hält eine Substitution antioxidativer Vitamine bei trainierten Sportlern unter
Normalbelastungen für nicht notwendig, da eine ausreichende Versorgung über die
Ernährung erreichbar sei.
Zum Abschluss der Tagung
stellte der Ernährungswissenschaftler Dr. Nicolai Worm,
Lehrbeauftragter für Sporternährung der Universität Innsbruck, die provokante
Frage, ob das Konzept der
Spezialernährung für Sportler auch ein "Fitmacher
für alle" sei. Die vorgestellten Ergebnisse waren überraschend, vielleicht sogar erschreckend.
Um die Zusammenhänge zu
verdeutlichen, verglich Worm die Lebens- und
Ernährungsumstände des Urmenschen mit den heutigen Gegebenheiten: In der
Evolution hätte der Mensch viel Bewegung
bei einer großen Muskelmasse gehabt
und nur wenige, nicht raffinierte
Kohlenhydrate zu sich genommen. Heute bewegten
sich viele Menschen kaum, die Muskelmasse
habe abgenommen und die Ernährung bestünde zum großen Teil aus raffinierten
Kohlenhydraten. Worm warnte vor einer so genannten
Kohlenhydrat-Falle: Eine hohe Zufuhr von Fetten, vor allem mehrfach
ungesättigter Fettsäuren (MUFS), führe zu günstigeren Zuckerstoffwechselwerten
als Kostformen mit einem hohen Kohlenhydratanteil. Ein hoher Blutzuckerspiegel
hätte wiederum ein hohes Risiko, an einem Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken,
zur Folge. Auch zur Frage einer Gewichtszunahme durch Fettverzehr verhalte sich
die Literatur derzeit unentschieden. Studien konnten zeigen, dass die Zufuhr hoher Fettanteile mit hohen Ballaststoffgaben zur geringsten, der Verzehr geringer
Fett- und Ballaststoffanteile
dagegen zur höchsten Gewichtszunahme geführt habe. Die Fettsyntheserate sei bei
den Menschen am höchsten, die bei einer hohen Energiezufuhr vor allem auf
Kohlenhydrate zurückgreifen und sich dabei kaum bewegen.
Der Ersatz von
Kohlenhydrat-Kalorien durch Fette mit einem hohen Anteil mehrfach ungesättigter
Fettsäuren (MUFS) und Proteine habe zu deutlich verbesserten Fettstoffwechselwerten
im Blut geführt (Erhöhung des "guten" HDL-Cholesterins,
Veringerung des "schlechten" LDL-Cholesterins und der Triglyceride).
Es sei darüber nachzudenken, ob die Empfehlungen der Nährstoffzusammensetzung
für die allgemeine (nicht körperlich aktive) Bevölkerung in den letzten Jahren
in eine falsche Richtung gelaufen sei. Eine Kost mit
sehr hohen Kohlenhydratanteilen sei unter Berücksichtigung dieser Erkenntnisse
nur für sportlich aktive Menschen
empfehlenswert. "Der
Kohlenhydratbedarf in völliger Ruhe beträgt nur 100 Gramm pro Tag",
bestätigte auch Prof. Baum, "denn nur das
Gehirn ist auf eine Versorgung mit Kohlenhydraten angewiesen."
Zusammenfassend gab Worm eine
Ernährungsempfehlung für Normalbürger, die keinen Sport betreiben würden: Es
sei wichtig, sich vor dem Essen zu bewegen,
mehr Obst und Gemüse zu verzehren, hochwertiges
fettarmes Eiweiß aufzunehmen
(Fleisch, Geflügel, Fisch, Eier, Milchprodukte und Soja), genügend Fett zu
konsumieren (MUFS, u.a. Oliven- und Rapsöl), den
Anteil von Omega-3-Fettsäuren zu erhöhen (Rapsöl, Meeresfisch, Leinsamen,
Walnüsse), den von Omega-6-Fettsäuren dagegen zu verringern (Sonnenblumen-,
Soja-, Distel-, Mais- und Weizenkeimöl), Kohlenhydrate vor allem aus Obst,
Gemüse, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten zu beziehen und moderat Alkohol
(Rotwein zum Essen) zu trinken. Wohl
bekomm's!
Frank Wechsel
Für Rückfragen:
Badischer Sportärzteverband
e.V.
PD Dr. Martin Huonker
Tel. 07 61 / 270 - 74 52
oder - 74 56
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