SPORTKARDIOLOGIE
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Herzinfarkt beim Elfmeter-Schießen
LONDON. Infolge des 30. Juni 1998, an dem England im
Elfmeter-Schießen gegen Argentinien verlor, wurden in Großbritannien 25 Prozent
mehr Personen mit einem akuten Herzinfarkt in Notaufnahmen eingeliefert als
üblich. Douglas Carroll von der Universität in Birmingham und andere
hochkarätige Fachleute folgern daraus, dass ein Myokardinfarkt durch emotionalen
Stress ausgelöst werden kann (BMJ 2002, 325: 1439-1442). Die Autoren
analysierten die Datenbank des Department of Health, in der 97 Millionen
Einträge von 1991 bis 1999 vorliegen. Ausgehend von der Hypothese, dass wichtige
Fußballspiele, besonders solche, in denen es zu einem Elfmeter-Schießen kommt,
zu kardiovaskulären Komplikationen führen können, untersuchten Carroll et al.
die Einweisungsraten während der Fußballweltmeisterschaft 1998. Am Tag des
besagten (und wohl dramatischen) Fußballspiels gegen Argentinien und den beiden
nachfolgenden Tagen wurden 55 Personen mehr mit einem kardiovaskulären Syndrom
in Krankenhäuser eingeliefert. Dies entspricht einer Zunahme um 25 Prozent. Die
Zahl der Einweisungen aufgrund von Selbstverletzungen und Schlaganfall blieb
unverändert, allerdings gab es 15 Prozent weniger Verkehrsunfälle. Die Autoren
vermuten, dass neben dem emotionalen Stress auch der erhöhte Zigaretten- und
Alkoholkonsum zu den beobachteten Ereignissen geführt hat.(23.12.2002 DEUTSCHES
ÄRZTEBLATT )
Kasuistik
Marathonläufer mit KoronarstenoseGlück gehabt! Kasuistik eines 55-jährigen Marathonläufers mit koronarer Hauptstamm- und RIVA-Stenose
Lucky looser! Case-report of a 55-year-old marathon-runner
with coronary main stemand LAD-stenosis
118 DEUTSCHE ZEITSCHRIFT FÜR SPORTMEDIZIN Jahrgang 54, Nr. 4
(2003)
Schlussfolgerung
Sowohl bei jungen als auch bei älteren Sportlern kommt der
sportärztlichen Untersuchung eine wichtige präventivmedizinische Bedeutung
zu. Neben Anamnese und körperlicher Untersuchung sind Ruhe- und
Belastungs-EKG die tragenden Säulen der sportmedizinischen Untersuchung, die
bei bestimmten Fragestellungen durch die Echokardiographie vervollständigt
wird. Da durch diese Untersuchungen sowohl bei jungen als auch älteren
Sportlern ein Großteil der Ursachen des plötzlichen Herztodes im Sport
erkannt und somit das kardiovaskuläre Risiko während sportlicher Aktivität
gesenkt werden kann, sollten sie Bestandteil sportmedizinischer
Untersuchungen sein.
Zusammenfassung
Anamnese und klinischer Befund: Bei einem 55-jährigen Hobbysportler
wurden im Rahmen einer Studie nach einem beschwerdefrei absolvierten
Marathonlauf erhöhte Konzentrationen von kardialem Troponin I bzw. T von
maximal 0,93 bzw. 0,13 ng/ml gemessen, so dass eine sportmedizinische
Nachuntersuchung erfolgte. Sportmedizinische Untersuchung: Körperlicher
Befund, Ruhe-EKG und Ruhe-Echokardiographie erbrachten keine Befunde von
Krankheitswert. Bei der Laufbandergometrie zeigten sich bei einer
Geschwindigkeit von 4,5 m/s in den EKGAbleitungen V4 bis V6
ST-Streckensenkungen um 0,25 mV und nach Belastung bis 0,4 mV, ohne dass
Beschwerden angegeben wurden. In der Stress-Echokardiographie traten ab 200
W Wandbewegungsstörungen im Bereich des Septums auf. Aufgrund der Befunde
wurde Sportverbot erteilt und eine baldige invasive Abklärung empfohlen.
Diagnose, Therapie und Verlauf: Koronarangiographisch wurde eine koronare
Herzkrankheit mit 50%-iger Hauptstammstenose und 80%-iger Abgangsstenose des
Ramus interventricularis anterior mit Indikation zur raschen aorto-koronaren
Bypass-Operation diagnostiziert, die komplikationslos erfolgte.
Schlussfolgerung: Nicht nur bei Leistungssportlern, sondern auch bei
Breitensportlern kommt der Belastungsuntersuchung in der Sportmedizin eine
wichtige präventivmedizinische Bedeutung zu. Anamnese, körperliche
Untersuchung, Ruhe- und Belastungs-EKG sind die tragenden Säulen, die bei
bestimmten Fragestellungen durch die Echokardiographie vervollständigt wird.
Einleitung
Obwohl der plötzliche Herztod augenscheinlich gesunder und
leistungsfähiger Sportler selten ist (7, 18), wird solchen Ereignissen
sowohl von Seiten der Medizin als auch der Öffentlichkeit eine besondere
Beachtung geschenkt. Oftmals werden in diesem Zusammenhang die
Unbedenklichkeit des Sports in Frage gestellt und verbesserte
Vorsichtsmaßnahmen gefordert. Die weitaus häufigste Ursache
nicht-traumatischer Todesfälle im Sport stellen kardiovaskuläre Ereignisse
dar (13), wobei zwischen Sportlern unterhalb und oberhalb des 35. bzw. 40.
Lebensjahres differenziert werden kann Marathonläufer mit Koronarstenose
Kasuistik (5, 9, 18). Für High-School-Athleten wird die Inzidenz eines
plötzlichen Herztodes mit 1:200.000 pro Hochschuljahr (7) und für
augescheinlich gesunde ältere Athleten, Jogger und Marathonläufer mit
1:15.000 bis 1:50.000 pro Jahr angegeben (8, 15, 17). Da der Mythos des
Marathonlaufs mittlerweile Tausende von Menschen aller Altersgruppen
veranlasst, an sogenannten Volksmarathonläufen teilzunehmen, bei denen es
immer wieder auch zu tragischen Todesfällen kommt, soll anhand des
nachfolgenden Fallberichts die Bedeutung der sportmedizinischen Untersuchung
vor der erstmaligen Aufnahme und im Verlauf sportlicher Aktivitäten
dargestellt werden.
Fallbericht
Ein 55-jähriger Teilnehmer eines Volksmarathons nahm im Rahmen
einer Studie an einer sportmedizinischen Untersuchung teil, bei der vor und
nach dem Marathon kardiales Troponin T und I bestimmt wurden. Der Sportler
betrieb seit 3 Jahren Ausdauertraining mit wöchentlich ca. 3 Stunden Laufen
und ca. 2 Stunden Rad fahren. Pro Jahr wurden bisher durchschnittlich 2
Marathonläufe (immer ohne Beschwerden) absolviert, die Marathonbestzteit
betrug 4:05 Stunden. Vor dem 52. Lebensjahr wurden keine regelmäßigen
sportlichen Aktivitäten ausgeübt. An kardiovaskulären Risikofaktoren
bestanden eine seit 4 Jahren mit Simvastatin (1 x 5mg/die) behandelte
Hypercholesterinämie und ein gehäuftes Auftreten von Herz-Kreislauf-
Erkrankungen in der Familie; ein Nikotinabusus bestand nicht. Vier Wochen
vor dem Volksmarathon hatte der Sportler beim Hausarzt einen „Check”
durchführen lassen, bei dem das Ruhe-Elektrokardiogramm (EKG), die
Ultraschalluntersuchung des Herzens in Ruhe und des Abdomens unauffällig
geblieben waren. Die Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader hatte eine
deutlich vergrößerte Intima- Media-Dicke rechts von 3,2 mm erbracht, weshalb
vom Hausarzt die tägliche Einnahme von 100 mg Acetylsalicylsäure empfohlen,
diese vom Sportler aber nicht eingenommen wurde. Der im Rahmen der Studie
absolvierte Volksmarathon wurde vom Sportler in einer Zeit von 4:30 Stunden
beschwerdefrei absolviert. Die Werte für Troponin I bzw. T (Access AccuTnI,
Beckman Coulter [Normbereich bis 0,04 ng/ml] bzw. Troponin T Elecsys 3.
Generation, Roche Diagnostics [Normalwert 0,00 ng/ml]) betrugen vor dem
Start 0,02 bzw. 0,00 ng/ml, nach dem Zieleinlauf 0,36 bzw. 0,07 ng/ml und
drei Stunden nach dem Marathon 0,93 bzw. 0,13 ng/ml (CK-MB: 8, 3 und 2%; LDH:
154, 383 und 346 U/l). Aufgrund der erhöhten Troponin-Werte wurde der
Sportler zur sportmedizinischen Untersuchung einbestellt.
Körperlicher Untersuchungsbefund
Guter Allgemein- und Ernährungszustand bei einer Körpergröße von 175 cm,
einem Körpergewicht von 76 kg und einem Körperfettanteil von 17,4 % (10
Punkt Kaliper-Methode nach Parizkova). Der Ruheblutdruck nach längerem
Liegen betrug 145/95 mmHg, der Puls 58/min. Der übrige
internistisch-sportmedizinische Untersuchungsbefund blieb unauffällig.
Klinisch-chemische Untersuchungen
Blutsenkungsgeschwindkeit unauffällig. Im kleinen Blutbild waren Hb mit
13,4 g/dl und Hämatokrit mit 38% grenzwertig. Die CK war mit 98 U/l leicht
erhöht. Normalwerte fanden sich für GOT, GPT, gamma-GT, Kalium, Natrium,
Magnesium, Eisen, Ferritin, Kreatinin, Harnstoff, Harnsäure, Triglyceride
und Glukose. Unter Medikation mit Simvastatin lagen die Werte für
Cholesterin mit 159 mg/dl, LDL-Cholesterin mit 81 mg/dl und HDL-Cholesterin
mit 53 mg/dl ebenfalls im Normbereich.
Kardiologische Untersuchungen
Ruhe-EKG (im Liegen): Indifferenztyp, regelmäßiger Sinusrhythmus mit
58/min. Kleines, nicht signifikantes Q in aVL. In den Brustwandableitungen
fraglich verzögerte R-Progression bis V3. Ansonsten unauffälliges Ruhe-EKG
(Abb. 1).
Belastungs-EKG: Bei der Laufbandbelastung
(stufenweise ansteigende Laufbandergometrie mit 0,5 % Steigung; Beginn
bei 2,5 m/s, nach jeweils drei Minuten Steigerung um 0,5 m/s) wurden 1 min
4,5 m/s mit einer maximalen Herzfrequenz von 185/min und einer maximalen
Laktatkonzentration von 13,1 mmol/l geleistet. Zu Beginn der Belastung
vereinzelt supraventrikuläre Extrasystolen (insgesamt 13 SVES), bei Abbruch
der Belastung in V4 bis V6 horizontale ST-Streckesenkung um 0,25 mV, in der
Nachbelastungsphase bis 0,4 mV .Kardiale Beschwerden wurden nicht angegeben.
Sport mobilisiert die Stammzellen fürs Herz
Wie Bewegung kranken Gefäßzellen hilft
Machen gesunde Menschen Sport, um gesund zu bleiben, oder macht Sport
gesund? Rund um den Globus haben sich ungezählte Forschergruppen mit dieser
Frage beschäftigt, haben Erfahrungsberichte gesammelt und vergleichende
Studien betrieben. Fazit: Sport ist gesund. Ein Glaubenssatz zwar, aber
einer, von dem inzwischen immer mehr Menschen mit Herz- und
Gefäßerkrankungen profitieren.
Früher wurde ihnen geraten, sich möglichst nicht anzustrengen, damit das
geschwächte Organ nicht überstrapaziert wird. Doch heute setzt sich mehr und
mehr die Ansicht durch, dass ein individuell dosiertes körperliches Training
die Gefäß- und Herzfunktion verbessert und Beschwerden lindert. Ungeklärt
ist aber bislang das Warum.
Eine Erklärung dafür, wie Bewegung im Reich der Zellen wirkt, haben
inzwischen Kardiologen der Uniklinik Homburg/Saar in Tierexperimenten und
klinischen Untersuchungen herausgefunden.
Viele Herz-Erkrankungen haben ihre Ursache in der "Arterienverkalkung",
medizinisch Arteriosklerose, einer fortschreitenden Verengung von
Blutgefäßen. Tabakgifte, Bluthochdruck, Dauerstress und erhöhte Blutfette
begünstigen diesen Prozess und schädigen die Gefäßinnenwände.
Bis zu einem gewissen Grad funktionieren die Reparaturmechanismen der Zellen
ganz gut: schwach geschädigte Zellen werden instand gesetzt, stark
geschädigte Zellen begehen Selbstmord (Apoptose). Die Lücken werden durch
Teilung von Nachbarzellen aufgefüllt.
EPC lässt neue Blutgefäße wachsen
Doch es gibt einen weiteren Reparaturmechanismus, an dessen Entdeckung
Forscher aus Frankfurt, Rostock und Düsseldorf beteiligt waren. Er gründet
auf der Erkenntnis, dass vor allem das Knochenmark Stammzellen freisetzt,
die sich vieltausendfach teilen und zu verschiedenen Zelltypen des
Blutsystems heranreifen (etwa weiße oder rote Blutkörperchen).
Aus diesen Stammzellen (die nicht mit embryonalen, also sehr jungen
Stammzellen zu verwechseln sind, aus denen sich grundsätzlich alle Zellarten
des Organismus bilden) können aber auch sehr unterschiedliche Körpergewebe
entstehen. Gesichert ist dies bisher für die Zellen der Gefäßinnenwand (Endothelien).
Bildhaft gesprochen infiltrieren Stammzellen, aus denen sich "endotheliale
Progenitorzellen (EPC)" gebildet haben, das geschädigte Gewebe, reifen darin
aus und ersetzen schadhafte Zellen der Gefäßwand. EPC veranlasst auch die
Blutgefäße dazu, neue Gefäßäste zu bilden.
"Von großer Bedeutung sind deswegen Untersuchungen, die zeigen, wie die Zahl
und Funktion der EPC reguliert wird", sagt Dr. Ulrich Laufs von der
Kardiologie Homburg. Fest steht bereits, dass alle bekannten
Herz-Risikofaktoren die EPC-Zahl drastisch reduzieren. Die Folge: Die
Selbstreparatur der Gefäße wird stark eingeschränkt.
Deswegen ist es wichtig, dass man in der Medizin heute mit körpereigenen und
synthetischen Wachstumsfaktoren die EPC-Zahl im Blut erhöhen kann. Gleiches
vermögen auch bestimmte Medikamente: die sogenannten Statine, die zur
Blutfettsenkung verordnet werden. Der Frankfurter Herzspezialist Prof.
Andreas Zeiher sieht in den Entdeckungen den Beginn einer neuen Kardiologie.
Seine Vision: EPC-Zellen werden aus dem Blut von Herzinfarktpatienten
entnommen, im Labor vermehrt und wieder zurückgegeben, damit sie die Schäden
der Infarktzone beheben.
Eine Vision, die zum Leitbild der modernen Kardiologie geworden ist, die
gerade damit beginnt, die Möglichkeiten von Stammzellen zu erforschen, nicht
nur der erwachsenen, sondern auch der embryonalen. So wurde im März dem
Münchner Kardiologen Privatdozent Wolfgang-Michael Franz erstmals die
Genehmigung zur Arbeit mit importierten embryonalen Stammzellen erteilt. Er
will an diesen jugendlichen Stammzellen die Prozesse bis zur Heranreifung
von Herzmuskelzellen untersuchen. Gelingt das künstliche Heranreifen
natürlicher Vorläuferzellen zu Herzmuskelzellen (etwa mit Hilfe von
Wachstumshormonen), könnte man sie zur Ausheilung von Infarktschäden nutzen.
Gleiche Erkenntnisse will in Homburg Prof. Michael Böhm aus Stammzellen des
erwachsenen Organismus (adulte Stammzellen) gewinnen.
Möglicherweise ist die EPC-Vermehrung aber einfacher zu starten: durch
Sport. In Versuchen mit Mäusen haben Laufs und Kollegen beobachtet, dass
Zahl und Funktion von EPC im Blut jener Tiere erhöht waren, die unermüdlich
ein Laufrad in Gang hielten, und bei denen Gefäßverletzungen schneller und
besser heilten.
Die Homburger Herzspezialisten und ein Team vom Saarbrücker Institut für
Präventiv- und Sportmedizin haben bei Reha-Patienten geforscht und Hinweise
dafür erhalten, dass es sich bei gefäßkranken Menschen, die Sport treiben,
ähnlich verhält. Laufs: "Wir wollen nun herausfinden, wie sich EPC durch
Bewegung vermehren und ob sich Sport stärker als bisher in der Behandlung
Herz- und Gefäßkranker einsetzen lässt."
http://www.merkur-online.de
15.08.2003
Verlängerte QTc-Zeit, ein unabhängiger Risikofaktor für den plötzlichen Herztod in höherem Lebensalter
Bei Verlängerung der herzfrequenzkorrigierten QT-Zeit (QTc) kommt es
häufig zu ventrikulären Rhythmusstörungen, aber eine direkte Verbindung zum
plötzlichen Herztod konnte nicht so klar gezogen werden. Bei 3105 Männern
und 4878 Frauen in einem Alter über 55 Jahren wurde bei einer
Basisuntersuchung in den Jahren 1990-1993 bzw. bei einer weiteren
Untersuchung 1993-1995 die QTc-Zeit im EKG bestimmt. In einer mittleren
Folgezeit von 6,7 Jahren verstarben 125 dieser Personen an einem plötzlichen
Herztod. Dabei war das Risiko für dieses Ereignis bei Männern und Frauen mit
einer früher diagnostizierten verlängerten QTc- Zeit (> 450 ms bei Männern,
> 470 msbei Frauen) um das Dreifache erhöht. Bei den Patienten, die unter
dem Durchschnittsalter von 68 Jahren lagen, bestand sogar ein achtfaches
Risiko, so dass eine QTc-Verlängerung im EKG bei älteren Menschen als
unabhängiger Risikofaktor für einen plötzlichen Herztod anzusehen ist. U.K.
(Straus SMJM et al.: Prolonged QTc
interval and risk of sudden cardiac death in a population of older adults. J
Am Coll Cardiol 47 (2006) 362- 367)
82 DEUTSCHE ZEITSCHRIFT FÜR SPORTMEDIZIN Jahrgang 57, Nr. 3 (2006)
Ausdauertraining bei Vorhofflimmern macht Herz ruhiger
Zweimal Training pro Woche
MANNHEIM (wst). Auch Patienten mit permanentem Vorhofflimmern profitieren
von regelmäßigen sportlichen Aktivitäten. Bereits zweimal die Woche ein
60minütiges moderates Ausdauertraining führt zu einer signifikanten Senkung
der Kammerfrequenz in Ruhe und unter Belastung. Zudem steigt die objektive
und subjektive körperliche Belastbarkeit und damit auch die Lebensqualität.
Das ist das Ergebnis einer kleinen Pilotstudie, die eine Arbeitsgruppe um
Dr. Jurita Plisiene aus Kaunas in Litauen mit Unterstützung des deutschen
Kompetenznetzes Vorhofflimmern gemacht hat. Die Studie wurde von Plisiene
auf dem Kardiologenkongreß in Mannheim vorgestellt.
Einbezogen in die Studie waren sieben Männer und drei Frauen (im mittleren
Alter von 59 Jahren) mit einem im Schnitt seit knapp zehn Jahren bestehenden
chronischen Vorhofflimmern. Patienten mit einer relevanten Koronarischämie
waren ebenso ausgeschlossen wie solche mit einer linksventrikulären
Auswurffraktion von weniger als 50 Prozent.
Die zehn Patienten absolvierten vier Monate lang unter ärztlicher Anleitung
ein dem individuellen Leistungsniveau angepaßtes Walking- oder Lauftraining,
jeweils 60 Minuten zweimal die Woche. Nach den vier Monaten war die
durchschnittliche Ruhefrequenz von 87 auf 78 Schläge pro Minute gesunken.
Bei einer Belastung von 100 Watt pochte die Kammer vor der Intervention im
Schnitt 136 mal pro Minute, nach vier Montan Training nur noch 124 mal.
Selbst bei maximaler Belastung wurde eine Frequenzreduktion von
durchschnittlich 156 auf 147 Schläge pro Minute erreicht, obwohl im gleichen
Zeitraum das mittlere maximale Belastungsniveau auf dem Ergometer von 137
auf 142 Watt angestiegen war. Alle Unterschiede waren signifikant.
Von fünf Patienten mit Digitalis konnte dieses im Verlauf des Trainings bei
einem Patienten abgesetzt werden, betonte Plisiene. Auf Betablocker waren
alle zehn Patienten eingestellt, wobei als zusätzlicher Trainingserfolg die
Dosis bei zwei Patienten halbiert werden konnte.
Ärzte Zeitung, 26.04.2006
Löllgen, Herbert; Gerke, Roger; Steinberg, Thomas
Der kardiale Zwischenfall im Sport
Deutsches Ärzteblatt 103, Ausgabe 23 vom 09.06.2006, Seite A-1617 / B-1382 /
C-1334
MEDIZIN
Zusammenfassung
Kardiale Zwischenfälle im Sport sind selten, können aber tödlich enden.
Vital bedrohlich sind ventrikuläre Arrhythmien. Sie beruhen bei jüngeren
Sportlern meist auf angeborenen strukturellen Herzerkrankungen oder
genetisch bedingten Veränderungen im Reizbildungs- oder Reizleitungssystem.
Aktuell kommt den kardialen Ionenkanalerkrankungen größere Bedeutung zu. Bei
den über 35-jährigen Sporttreibenden steht die koronare Herzkrankheit als
Ursache für einen kardialen Zwischenfall im Vordergrund. Eine sorgfältige
sportärztliche Vorsorgeuntersuchung kann in vielen Fällen frühzeitig eine
Gefährdung aufdecken; die Anamnese hat einen sehr hohen Stellenwert. Bei
verdächtigen Befunden sollten die möglichen kardialen Untersuchungsmethoden
ohne Einschränkung eingesetzt werden. Ein automatischer externer
Defibrillator sollte in allen größeren Fußballstadien und Sportarenen
vorhanden sein.
Schlüsselwörter:
körperliche Aktivität, Sportmedizin, Todesfall, Herzanomalien, koronare
Herzkrankheit
Ein plötzlicher Zwischenfall im Sport – sei es ein schwerer Kollaps,
Herzstillstand oder Todesfall – erregt in der Öffentlichkeit und
insbesondere in den Medien stets große Aufmerksamkeit. Andererseits gilt
heute als gesichert, dass regelmäßiger Sport und körperliche Aktivität
wirksam vor kardialen Ereignissen schützen (1–5). Dennoch können infolge
zahlreicher angeborener und erworbener Ursachen bei jüngeren und älteren
Sporttreibenden kardiale Zwischenfälle auftreten. Diese umfassen Synkopen,
Herzinfarkt, akute Linksinsuffizienz, vor allem aber lebensbedrohliche
Arrhythmien und den plötzlichen Herztod. Die folgende Übersicht basiert auf
einer Recherche in Medline und Pubmed (1990–2005) und den Daten
verschiedener Bücher sowie eines Übersichtsartikels (1–4, 12).
Definitionen
Unter einer Synkope versteht man eine plötzlich einsetzende vorübergehende,
kurz dauernde Bewusstlosigkeit. Der Begriff „plötzlicher Herztod“ beschreibt
den unerwarteten kardiovaskulär bedingten Bewusstseinsverlust mit dem
Eintritt des Todes innerhalb einer Stunde; andere Definitionen
berücksichtigen auch den Todeseintritt innerhalb von zwölf oder 24 Stunden
nach Auftreten der Symptome (4–8). Meist tritt beim Sportler der Tod während
oder nach der körperlichen Belastung ein. Ein plötzlicher Herztod ist bei
Sportlern auch während des Schlafs oder in Körperruhe möglich (9) (Grafik).
Häufigkeit
Zur Häufigkeit des plötzlichen Herztodes liegen zahlreiche Studien vor;
diese sind aber selten prospektiv angelegt und erfassen nicht immer alle
Todesfälle. Viele Untersuchungen wurden retrospektiv durchgeführt oder
basieren auf Analysen von Versicherungsstatistiken. Der plötzliche Tod in
der Allgemeinbevölkerung kommt bei circa ein bis zwei Todesfällen pro 1 000
Einwohnern pro Jahr vor. Bei Personen unter 30 Jahren liegt die Rate bei 0,5
bis 1 auf 100 000 (22), davon tritt in acht Prozent der Fälle der Tod
während Belastungen ein. Bei amerikanischen Schülern rechnet man mit einem
Todesfall auf 200 000 bis 300 000/Jahr. In einigen Studien liegt die
Häufigkeit etwas höher (2 bis 7/100 000) (1, 3–5, 7–8, 10–11). Frauen sind
mit zehn Prozent seltener, Afroamerikaner hingegen häufiger betroffen, weil
bei ihnen eine hypertrophe Kardiomyopathie öfter vorkommt.
Belastungsinduzierte Todesfälle bei Herzkranken treten naturgemäß häufiger
auf. Zwischen 30 und 40 Prozent der akuten Todesfälle sollen im Zusammenhang
mit körperlicher Belastung stehen (4, 5, 12). Diese Zahl betrifft
Trainierte, Untrainierte und Herzkranke. Bei Marathonläufern tritt nach
neueren Analysen ein plötzlicher Herztod während des Laufes seltener ein als
in der nicht sporttreibenden Bevölkerung (11).
Folgende Faktoren begünstigen das Auftreten eines plötzlichen Todes
beim Sport (1, 3, 5, 7, 10, 12):
- vorbestehende kardiale Grundkrankheit, insbesondere strukturelle oder
„elektrische“ Anomalien des Herzens
- Alter über 40 Jahre; ein Gipfel liegt zwischen 40 und 50 Jahren
- Neubeginn einer sportlichen Aktivität, besonders nach längerer Pause, mit
plötzlichem und sehr intensivem Beginn.
alles hier :
http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikeldruck.asp?id=51674
Marathonlauf schädigt Herzmuskel
Boston - Nach einem Marathonlauf kommt es, vor allem bei weniger trainierten
Sportlern, häufig zu Funktionsstörungen des Herzens. Ein Anstieg der
kardialen Enzyme deutet darauf hin, dass Herzmuskelzellen irreversibel
geschädigt wurden, wie US-Kardiologen in Circulation (2006; 114: 2325-2333)
berichten. Eine deutsche Arbeitsgruppe fand sogar häufigere koronare
Verkalkungen unter älteren Marathonläufern, deren klinische Bedeutung aber
noch unklar ist.
Der Legende zufolge soll der griechische Bote Pheidippides, der 490 v. Chr.
die circa 42 Kilometer lange Strecke von Marathon nach Athen gelaufen war,
um den Sieg gegen die Perser zu verkünden, am Ziel tödlich zusammengebrochen
sein. Wahrscheinlich ein kardialer Todesfall und kein Einzelfall, glaubt man
den Berichten aus Lokalzeitungen, in denen immer wieder über vereinzelte
Todesfälle bei Marathonläufen gemeldet wird. Dies veranlasste die Gruppe um
Arthur Siegel von der Harvard Medical School zu einer klinischen Studie. Die
Kardiologen untersuchten 60 nicht-professionelle Teilnehmer des
Boston-Marathons (41 Männer und 19 Frauen) vor und unmittelbar nach dem
Rennen, das alle bis zum Ziel gelaufen waren.
Vor dem Rennen hatten alle Teilnehmer normale Befunde in der
Echokardiographie und keine erhöhten kardialen Enzyme (ansonsten hätten die
Mediziner sicherlich ein Teilnahmeverbot ausgesprochen). Unmittelbar nach
dem Ziel zeigten die meisten jedoch nicht nur die physiologischen
Erschöpfungszeichen. Siegel fand bei nicht wenigen Teilnehmern Hinweise auf
eine kardiale Schädigung.
So waren bei 60 Prozent der Teilnehmer die Troponinspiegel auf über die 99.
Perzentile angestiegen. Troponin ist ein Marker für den Untergang von
Myokardzellen und bei 40 Prozent der Teilnehmer waren die Werte soweit
erhöht, dass die Ärzte, hätte es sich um klinische Patienten mit
Herzbeschwerden gehandelt, die Diagnose eines Herzinfarkts in Betracht
gezogen hätten. Bei den Läufern waren auch die Werte des NT-proBNP (von 63
auf 131 pg/ml) angestiegen, was bei klinischen Patienten als Zeichen einer
pathologischen Überlastung des Herzmuskels gedeutet worden wäre. Die
Echokardiographie zeigte ebenfalls Funktionsstörungen des Herzmuskels: Der
NT-proBNP-Wert korrelierte mit einer diastolischen Dysfunktion, einem
Anstieg der pulmonaren Drücke und einer rechtsventrikulären Dysfunktion.
Diese kardialen Stresszeichen waren umso ausgeprägter, je weniger trainiert
die Teilnehmer waren. Die höchsten Troponinwerte wurden bei Läufern
gefunden, die im Training weniger als 35 Meilen die Woche absolvieren. Für
die Läufer kamen die Befunde überraschend. Keiner hatte während des Laufs
über kardiale Beschwerden wie Brustschmerzen oder Luftnot geklagt. Eine
mögliche Erklärung könnte die Freisetzung von Endorphinen während des
Marathonlaufs sein. Endorphine sind mit den Morphinen verwandt, die in der
Klinik bei Herzinfarktpatienten eingesetzt werden.
Den chronischen Auswirkungen des Marathonlaufs auf das Herz geht die
„Marathonstudie“ des Westdeutschen Herzzentrums in Essen nach. Untersucht
werden erfahrene Marathonläufer im Alter über 50 Jahren, die innerhalb der
vorangegangenen fünf Jahre wenigstens fünf Marathonläufe absolviert haben.
In der Studie wird die koronare Verkalkung mittels der
Spiral-Computertomographie quantifiziert. Die Gruppe ging, wie die meisten
Kardiologen davon aus, dass Marathonläufer ein gut trainiertes und deshalb
ein gesundes und koronarkalkfreies Herz haben. Nach den ersten Ergebnissen
der Studie, die im November auf der Jahrestagung der American Heart
Association in Chicago vorgestellt wurden, ist sich die Gruppe um Stefan
Möhlenkamp nicht mehr so sicher.
Bei 36 Prozent der 108 untersuchten Läufer fanden die Kardiologen nämlich
erhöhte Werte in einem Score zur Koronarkalkquantifizierung. Die gleichen
Werte wurden nur bei 22 Prozent einer Vergleichsgruppe von 216 Männern mit
vergleichbaren koronaren Risiken gesunden, die aber keinen Laufsport
betrieben. Die Bedeutung dieses Befundes ist noch unklar, scheint aber eine
Gefährdung älterer Menschen durch Marathonläufe nicht völlig auszuschließen.
Durch die weitere Beobachtung der Gruppe über 5 Jahren wollen die
Kardiologen aus Essen jetzt prüfen, ob und bei welchen Menschen der
Marathonlauf zu einem kardialen Risiko werden kann.
www.aerzteblatt.de
7. Dezember 2006
Links zum Thema
Abstract der Studie aktuellen Studie
http://circ.ahajournals.org/cgi/content/abstract/114/22/2325
Pressemitteilung der American Heart
Association
http://www.americanheart.org/presenter.jhtml?identifier=3043462
Design der Marathon-Studie des
Westdeutschen Herzzentrums
http://www.bnk.de/index.php?id=379&L=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=2047&tx_ttnews%5BbackPid%5D=378&cHash=ddd1a0e262
Wikipedia zum Marathonlauf
Marathonlauf – eine Gefahr für das Herz?
60 Teilnehmer des Boston-Marathons, die eher der Gruppe der Hobbyläufer
zuzuordnen waren, wurden vor und nach dem Marathon kardiologisch untersucht
(Echokardiographie, Gewebsdoppler, Biomarker). Zu den pathologischen
Befunden nach dem Marathon gehörten eine veränderte diastolische Füllung,
ein erhöhter pulmonaler Druck, erhöhte rechtsventrikuläre Dimensionen und
eine verringerte rechtsventrikuläre systolische Funktion. 60 % der
Teilnehmer wiesen nach dem Rennen zudem erhöhte Troponinspiegel auf, 40 %
sogar über den Grenzwerten für einen akuten Infarkt. Auch die Konzentration
an natriuretischen Peptid war signifikant erhöht. Die Anstiege der Biomarker
korrelierten mit den echokardiographischen Befunden einer veränderten
kardialen Funktion. Zudem bestand eine negative Korrelation zum
Trainingsumfang, d.h. die weniger trainierten Läufer zeigten stärkere
kardiale Beeinträchtigungen. Verglichen mit Athleten, die mehr als 45 Meilen
in der Woche zurücklegten, zeigten Sportler, die maximal 35 Meilen in der
Woche liefen höhere pulmonale Drücke, eine Dysfunktion des rechten
Ventrikels sowie Herzmuskelzerstörungen und erhöhte Stressfaktoren nach
einem Marathonlauf. Ein Marathonlauf ist demnach mit einigen funktionellen
und sogar strukturellen pathologischen Phänomenen am Herzen verbunden, wobei
das Ausmaß bei schlechterem Trainingszustand deutlich größer ist.
U.K. (Neilan TG, Januzzi JL, Lee-Lewandrowski E, Ton-Nu TT, Yoerger DM,
Jassal DS, Lewandrowski KB, Siegel AJ, Marshall JE, Douglas PS, Lawlor D,
Picard MH, Wood MJ: Myocardial injury and ventricular dysfunction related to
training levels among nonelite participants in the Boston marathon.
Circulation 114 (2006) 2325-2333)
DEUTSCHE ZEITSCHRIFT FÜR SPORTMEDIZIN Jahrgang 58, Nr. 3 (2007)